Xenia Multmeier

Xenia Multmeier wurde 1967 in Krefeld geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie sowie Sprechwissenschaft und Sprecherziehung in Münster und arbeitet seit 1994 als Regisseurin mit Lyrik- und Theatercollagen. Zahlreiche Fortbildungen im Bereich Tanz und Schauspiel sowie viele Kooperationen mit Tänzer*innen, Musiker*innen und bildenden Künstler*innen prägen ihre Arbeit. Im Jahr 2000 gründete sie das Ensemble „theater en face“, mit dem sie seitdem über dreißig Stücke entwickelt hat.

theater en face

Das experimentelle theater en face mit jährlich ein bis zwei Produktionen arbeitet an der Schnittstelle von Theater und bildender Kunst. Koproduktionen mit Musikern, bildenden Künstlern und Tänzern arbeiten an den offenen Grenzen zwischen den Künsten, suchen neue ästhetische Formen zwischen Sprechtheater, Tanz und performativer Kunst. Miteinander resonierende, teils auch widersprüchliche Bilder und Texte werden montiert zu aktuellen Fragestellungen. Immer aber ist jede Inszenierung eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, die Kunst im gesellschaftlich-politischen Raum hat.

Intensive Körperarbeit und eine starke Bildsprache vereinen sich zu einprägsamen Performances. Die ausgebildeten Bühnensprecher*innen arbeiten mit Stimmcollagen und Sprechchören. Das Ensemble von theater en face besteht aus einem festen Stamm von freien Künstlern.

5 Fragen an: Xenia Multmeier

Dein Festival-Projekt in zwei Sätzen?

Wir zeigen ein mögliches Szenario von psychologischen Auswirkungen auf einzelne, wenn systematisch demokratische Rechte gewaltsam unterdrückt werden.

Was hat dich zu diesem Beitrag inspiriert?

Die jahrelange Zusammenarbeit mit Gilsuk Ko, der koreanischen Video- und Performancekünstlerin, die mit starken, aber offenen Bildern Interaktionen zwischen Menschen kommentiert – da bot sich die Beschäftigung mit der Unterdrückung der Demokratiebewegung in ihrem Heimatland Anfang der 80er an. Aber natürlich müssen wir nicht bis nach Asien, und nicht nur in die Vergangenheit schauen. Auch hier treffe ich in meiner freiberuflichen Arbeit auf immer mehr antidemokratische Einstellungen. Lehrer*innen, mit denen ich in Mecklenburg-Vorpommern arbeite, berichten von Schüler*innen, die strammes rechtes Gedankengut auf dem Schulhof und im Unterricht äußern, mit dem Hitlergruß provozieren. Aber auch hier in Münster, beim Bäcker um die Ecke, höre ich Sätze, die ich vor 10 Jahren für undenkbar hielt. Vor allem, dass Leute das Zeugs, was in sozialen Medien verbreitet wird, für bare Münze nehmen, macht mir Sorgen. Das Gefühl, dass ich noch vor 10, 15 Jahren hatte, dass faschistische Tendenzen in der Gesellschaft wenig Platz zum Ausbreiten haben, ist weg!

Was bedeutet Demokratie für dich?

Gerade zur jetzigen Corona-Zeit kann man sehen, wie wichtig Transparenz und Diskussion sind. Es wird debattiert, wichtige Güter werden gegeneinander abgewogen, schwierige Entscheidungen zum Wohle aller müssen getroffen werden, wodurch aber auch Menschen viel verlieren. Das geht nur durch Betrachtung aller Fakten, Hören auf wissenschaftliche Meinungen, Stimmen aus der Wirtschaft u.a..
Dass es erst eine so hohe Zustimmung in der Bevölkerung zu den Maßnahmen gab, habe ich zunächst zu optimistisch als Zeichen für eine hohe Bereitschaft, sich mit Fakten auseinanderzusetzen gedeutet bei einer guten Kommunikation von Entscheidungsprozessen.
Nun, wo sich auch abzeichnet, dass wohl auch die Angst ein hoher Motivator war,
sehen wir einen Prozess der Gewöhnung an die Situation (die Angst, sich selbst anzustecken lässt nach) und ein Abflauen der Bereitschaft, sich mit Fakten auseinanderzusetzen, zumindest bei einem Teil der Gesellschaft.

Das Entstehen einer parallelen Falsch-Informationskultur, von Rechten als „Info-Krieg“ genutzt, macht große Sorge. Ich arbeite ja auch an einem Theater-Walk über Fake News, der auch im November herauskommen soll und denke, dass wir da unbedingt dran bleiben müssen.

Dass es in der Wissenschaft innerhalb von wenigen Wochen unterschiedliche Bewertungen von Situationen und Maßnahmen gibt, deute ich als positives Zeichen, weil es zeigt, dass nicht starre Glaubenssätze, die Stabilität vortäuschen sollen, Irrwege zementieren. Sondern es wird offenbar, dass man immer in der Diskussion bleiben muss. Gilt das, was wir vor einiger Zeit besten Wissens gedacht haben, unter neuen Erkenntnissen immer noch?
Daher kann ich mich der gängigen Kritik, die es gerade in politischen Kommentaren gibt, heute gelte das eine, morgen das andere, nicht anschließen. Das klingt für mich eher nach der Sehnsucht nach einem starren Konzept von Einstellungen und Geboten, die es im Moment, und auch sonst, nicht geben kann.
Wir sehen diesen Prozess, der auch sonst abläuft – mal mehr, mal weniger transparent, man denke nur an Rüstungsexporte – jetzt gerade unter einem Vergrößerungsglas.

Welche Rolle spielt Kunst in einer demokratischen Gesellschaft?

In einigen Gesellschaften übernehmen Künstler ja sogar die Rolle der Opposition – allerdings sind das eben nicht demokratische Gesellschaften. Hier bei uns sehe ich eher die Möglichkeit, nicht das Gebot, auf gesellschaftliche Veränderungen provokativ zu reagieren. Zum Beispiel denke ich da an Schlingensiefs Container-Aktion. Oder es werden ungewöhnliche Perspektiven auf unseren Umgang mit Kultur und Geschichte eingebracht, wie zum Beispiel in Jonathan Meeses Performancekunst. Oder Künstler*innen zeigen einen anderen, nämlich poetischen Blick auf Verhältnisse.

Was macht Corona mit der Demokratie (und unserem Festival)?

Mit unserem Festival? Hoffentlich nichts – wollen wir hoffen, dass wir unsere Arbeiten wieder live zeigen können. Und: dass alle Künstler*innen wirtschaftlich überleben!